Christuskirche, Kirchheim unter Teck

C. L. Goll & Sohn
(Inhaber Friedrich Schäfer)
Opus 163, 1912

Technische Daten

Christuskirche Kirchheim
Fenster passten nicht mehr in die Zeit.
Meister Yelin stand auch hier bereit.

Ein „unkirchlich, schlichter Betsaal“ sollte es werden, die von Architekt Martin Elsaesser zu bauende Kirche in der Kirchheimer Vorstadt. Nach nur einem Jahr Bauzeit, wurde sie im Jahr 1909 eingeweiht. In einem so ausdrücklich nichtsakralen Raum musste die Orgel möglichst unauffällig sein. Friedrich Schäfer, seit 1897 Inhaber der Kirchheimer Orgelbaufirma C.L. Goll und Sohn hat diesen Ansatz perfekt umgesetzt. 1912 hat er die Orgel an die Rückwand der tiefen Empore geklebt. Dort ist das Instrument für die Kirchenbesucher kaum sichtbar. Die äußere Gestaltung vermeidet alles kirchliche. Seitlich gedrechselte Säulchen, wie in einem Salon, die Labien des großen Prospektmittelfeldes unsichtbar –Blechzylinder könnten auch in einer Fabrikhalle stehen. Orgelsachverständiger war Professor Hegele, Nürtingen.
Auf Dauer konnte die radikale Ästhetik nicht durchgehalten werden, vor allem nicht im Kirchenraum. Die nüchterne Fensterfront des Altarraums wurde nach dem zweiten Weltkrieg zugemauert und von Rudolf Yelin dem Jüngeren mit christlichen Motiven gestaltet. Warum sollte man jedoch am Äußeren der Orgel etwas verändern; sie war sowieso kaum sichtbar.

Allerdings meinte man damals den dunkeln grundtönigen Klang aufhellen zu sollen. So wurde aus dem zahmen Kätzchen ein brüllendes Ungeheuer mit piepsigen Untertönen.

Disposition 1912 festgehalten von Dr. Walter Supper am 27. April 1952

Allerdings meinte man damals den dunkeln grundtönigen Klang aufhellen zu sollen. So wurde aus dem zahmen Kätzchen ein brüllendes Ungeheuer mit piepsigen Untertönen.

Disposition 1912 festgehalten von Dr. Walter Supper am 27. April 1952

HAUPTWERK C – g’’’
Prinzipal 8′
Gamba 8′
(Transm v II)
Gedackt 8′
Oktave 4′
OBERWERK C – g’’’
Flöte 8′
Salizional 8′
Viola 8′
Aeoline 8′
Vox coelestis 8′
PEDAL C – d’
Subbass 16′

Sammelzug von Salizional und Aeoline 3 Normalkoppeln ober I  ober II/I unter II/I Hauptwerk ausgebaut bis c’’’’ Oberwerk ausgebaut bis g’’’’

Supper schreibt: „Abgesehen von gelegentlichen Heulern ist der Zustand der Orgel ordentlich; Holzwurm wurde keiner festgestellt. Klanglich ist das Instrument langweilig. Es sollte folgende Disposition – unter Beibehalten der vorhandenen Kanzellen – angestrebt werden.“

HAUPTWERK C – bis g’’’
1. Flötgedackt 8′
2. Harfenprinzipal 4′
3. Nachthorn 2′
4. Scharfmixtur 4 – 5 fach (transm. V. II)
OBERWERK C – g’’’
5. Gedacktpommer 8′
6. Koppelflöte 4′
7. Scharfmixtur 4 – 5 fach
PEDALWERK C – f’
9. Subbaß 16′
10. Flötenpiffaro 4’+2’
Aufbau der Scharfmixtur C    =   1′ +  ⅔‘ +  ½‘ + ⅓‘ F    =   1 ⅓‘ + 1′ + ⅔‘ +  ½‘ H   =   2′ + 1 ⅓‘ + 1′ + ⅔‘ e°   =  4′ + 2′ + 1 ⅓‘ + 1′ + ⅔‘ f “   =  4′ + 2 ⅔‘ + 2′ +  1 ⅓‘ + 1 ⅓‘ b“   =  4′ + 2 ⅔‘ + 2′ + 2′ + 1 ⅓‘ dis“‘  =  4′ + 2 ⅔‘ + 2 ⅔‘ +2′ + 2′

An Koppeln bleiben erhalten: I/P., II/P., II/I, sonst nichts

Anmerkung des Verfassers: alle originalen Koppeln wurden beibehalten Entw. Eßlingen/N., 27. April 1952 (gez.) Dr. W. Supper Orgelpfleger

Diesen Vorgaben gemäß baute Richard Rensch 1953 die Orgel um. Teilweiser Rückbau 1999 wiederum durch Orgelbau Rensch unter der Mitwirkung von Orgelsachberater Prof. Volker Lutz und Bezirkskantor Samuel Kummer. Einzelheiten in der Rubrik Pfeifenwerk.

Christuskirche Kirchheim
Zu viele Pfeifen im Gesicht:
Die alte Schönheit sieht man nicht.


Standort
:
Empore, mittig an der Rückwand.  Beim Umbau 1953 wurden die seitlichen Prospektfelder mit Pfeifen von Flötenpiffaro 4‘+2‘ in zwei Pfeifenreihen hintereinander bestückt. 1999 wurde das rückgängig gemacht. Pedalflöte 8‘ ersetzte nun das seitherige Register Flötenpiffaro 4‘+2‘. Ob die seitlichen Felder ursprünglich genau so ausgesehen hatten wie heute, ist noch nicht bekannt.
Der Prospekt ist angedeutet dreiteilig. Ein ekletizistisch gestaltetes Zierbrett im Rücken des Organisten stellt die optische Verbindung her zwischen Spieltisch und Gehäuse. Gedrechselte Säulchen auf dem seitlichen Untergehäuse spielen die Transparenz der Fenster in den Raum hinein und mildern die Massigkeit des tiefen Gehäuses ab. Bürgerliche Anmutung! Empore und Orgel bilden ein Ensemble.
Die  2017 links des Spieltisches aufgestellte Schaltkonsole lässt zwar die historische Substanz des Spieltisches unangetastet, wirkt jedoch an dieser Stelle völlig deplatziert.

Christuskirche Kirchheim
Spieltisch der guten alten Art,
wo alt’ und neue Zeit sich paart.


Vorderspielig freistehender Spieltisch Notenpult in Spieltischdeckel eingesteckt, Rahmen und Rippe aus Fichte Notenauflage aus Nussbaum.
Tiefe 745 mm breit 280 mm hoch 62 mm tief 21° geneigt,
zwei Manuale I Hauptwerk II Hinterwerk, Werkstattleuchte für Noten, keine  Pedalbeleuchtung, Manubrien und Manual II durch Notenpult verschattet, Kippschalter mit Glimmlicht für Motor, Doppelsteckdose mit originaler? Zuleitung Leichtmetallrohr mit Rohrschellen befestigt, Heizung nur über Standstrahler, Rolldeckel mit Schloss aber ohne Schlüssel, Originales Firmenschild mittig  über Klaviatur  Nichtverstellbare originale Orgelbank.

Christuskirche Kirchheim
Diese Tasten treffen sollte,
wer hier richtig spielen wollte


Manual
C – f‘‘‘
Pneumatisch, Oktavmaß 168 mm,
Breite Untertasten (in mm)  c 22,2 d 22,2 e 22,2 f 22,2 g 22,2 a 22,2 h 22,6
Tastenteilung breiteste/schmalste Untertaste c,d,e,f,g,a 22,8 mm / h 22.6 mm
Tastenfall I 9 mm, II 4 mm Obertasten einsinken I 3 mm, II 3 mm
Tastendruck I 75 g, II 75 g
Länge Untertasten 131 mm, Tastenkopf 46 mm, Obertasten 72 mm
Abstände Obertasten Cis-dis 16,5 mm, fis-gis  16,5 mm, gis-ais 165 mm,
dis-fis 32,5 mm, ais-cis 32,5 mm
Vertikaler/horizontale Manualabstand 65 mm / 36 mm
Koppeln Superoctav Copplung I, II-I, Suboctav Copplung II z. I, I-P, II-P
Tastenbelag Untertasten  Elfenbein, Obertasten Ebenholz massiv
Neigung der Klaviaturen I 0°, II 0°

Christuskirche Kirchheim
Tiefe Töne aus dem Kasten
werden wach mit diesen Tasten.


Pedal
C – d‘, 1954 erweitert bis C – f‘
Parallelpedal nur leicht konkav, Obertasten kaum geschweift, Oktavmaß 465 mm
Tastenfall 15 mm Obertasten Einsinken 10 mm über Untertasten Tastendruck 800 -1000 gr Länge ,Unter- und Obertasten 490 mm /125 – 155 mm  Tastenbreite 22 mm
Vertikale Position Pedal 760, mm Einschub 177 mm, Horizontale Position, c° unter h°

Pneumatisch  Kippschalte mittig über Klaviatur Registernamen mit Steinschrift auf runden aufgeklebten Plättchen 1954 normal starke  Zeichen 1999 fette Schrift ein einziges Plättchen handbeschriftet Nummerierung nachträglich aufgeklebte runde verschiedenfarbige Aufkleber handbeschriftet.

Christuskirche Kirchheim
Letzte Strecke für den Wind
solche Leitungen hier sind.


Gebläse in gedämmtem Kasten unter der Emporentreppe 
Motordaten: Firmenlogo AE untereinander stehend im Spulenkranzsymbol, O MOT KG 054  NR. 79416  0,5 PS  220/380 V  1,6 / 0,98 A  Dreiecksymbol/Sternsymbol U/min. 1400, Per. 50 Magazinbalg im Untergehäuse, Windkanäle Blechrohr bis zur Orgel, Holzkanäle im Instrument, Kondukten Flexrohr
Winddruck 100,4 mm WS an einem Pfeifenloch im seitlichen Prospekt.

Pneumatische Kegellade Pfeifenaufstellung C – Cis  kleine Pfeife außen.

Christuskirche KIrchheim
In diesen Pfeifen, die Töne reifen.

Gesamtpfeifenzahl 583, davon 152 Holzfpeifen 568 klingende und 15 Blindpfeifen

Manual I
Flöte8′1999 Rensch, Werkstattpfeifen ausgebaut bis g’’’‘
Harfenprinzipal4’1953 Rensch, umgebaute frühere Gambe 8’, ausgebaut bis g’’’’
Oktave2’1999 Rensch, ausgebaut bis g’’’’
Mixtur 2 fach Transmission aus Manual II
Manual II
Gedacktpommer8’1912 Goll, 1953 neu labiert, ausgebaut bis g’’’’
Koppelflöte4’1953 Rensch ausgebaut bis g’’’’
Sifflöte1 1/3’1953 Rensch nicht repetierend
Mixtur 2fach1’aus Pfeifenmaterial der früheren Mixtur 5 fach Repetition f°
Pedal
Subbass16’1912 Goll
Pedalflöte8’Pfeifen zum Teil aus seitherigem Flötenpiffaro, C-H Holz 1999 Rensch

Besonderheiten:
Im mittleren Prospektfeld sind kein Labien von außen zu sehen
In den seitlichen Prospektfeldern stehen zum Teil Blindpfeifen aus dem früheren Flötenpiffaro; diese waren früher klingend, bleiben aber jetzt ohne Wind.

Stimmung:
Gleichstufig temperiert
Absolute Tonhöhe: a’ 437 Hz bei 19,8° Celsius
Relative Luftfeuchtigkeit: 54,7%. Atmosphärischer Luftdruck: 1025,2 hPa auf NN.

Schallpegel:
Ruhe: 29 dBA, Gebläse: 37 dBA.
Min: 58,8 dBA, Max; 93 dBA

 

Christuskirche Kirchheim
Viel’ Choräle kleben an den Drechselstäben.

Alleinstellungsmerkmale:
Gedrechselte Stäbe anstelle der Seitenwand im Obergehäuse.

Medien:
Festschrift zum 90-jährigen Bestehen der Christuskirche Kirchheim.

Teckbotenarchiv
Heimatbuch, Anita Rauscher: Untersuchungen über die Orgeln des 18. und 19. Jahrhunderts im Evangelischen Dekanatsbezirk Kirchheim unter Teck.

Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck  Band 36:
Orgeln unter Teck (Seite 119)

Andere Instrumente im Raum:
Altes Klavier, E-Piano Roland.

Kontakt

Adresse Pfarramt:
Evang. Pfarramt Christuskirche
Weisestraße 7
73230 Kirchheim unter Teck
Tel.: 07021-55813
Zentrales Gemeindebüro:
Tel: 07021 – 9203017 -18
Homepage Pfarramt

Adresse der Kirche:
Christuskirche
Dettinger Straße 7
73230 Kirchheim unter Teck

So finden Sie die Kirche:

error: Inhalt ist geschützt!