Johanneskirche Nabern

Kurt Oesterle 1980 Opus 94

Gut Holz! Die zwei Achtfüße (er)tragen alles

Gute Grundlage, der Subbass von 1898

Raumwirkung auf engstem Raum. Quasi Bruswerk gegen Hinterwerk

Technische Daten

Mit einem „geschenkten Gaul“, einer gebrauchten Orgel, hatte die Orgelgeschichte in Nabern begonnen. Kaum war das Instrument auf der Nordempore aufgestellt, brauchte man schon einen Orgelbauer. Johann Ludwig Goll aus Weilheim sollte den kümmerlichen 4 Registern (Copal, Flöte, Octav und Quint) weitere drei hinzufügen.

Wie kam es zu dieser merkwürdigen Schenkung? Die Akten sprechen vom Vater des damaligen Pfarrers. Andernorts hatten sich Adlige oder Äbte mit Orgeln ein Denkmal gesetzt. Diesen Ehrgeiz hatte der damalige Eigentümer der Kirche, das Kloster St. Peter im Schwarzwald, gewiss nicht. Da wäre zuerst die Weilheimer Peterskirche an der Reihe gewesen. Aber der damalige Naberner Pfarrer, Christoph Friedreich Hauff, stammte aus einem bedeutenden württembergischen Geschlecht. Diese Familie konnte mit einer Orgel ihr Ansehen und die Reputation des Pfarrherren bedeutend stärken. Die Vermutung, dass es damals um Prestige ging, ist nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass es sogar ein Vorrecht war, auf der Orgel zu spielen. Es ist überliefert, dass sich der damalige Schultheiß Johannes Bessmer das viel kosten ließ. Mit 110 Gulden Spende für die Orgelerweiterung, fast die Hälfte der Kosten, war das Organistenamt für die Familienmitglieder gesichert – hundert Jahre lang.

Warum schon 40 Jahre später die Orgel von der Empore in den Chorraum versetzt wurde, wissen wir nicht. Die Feuchtigkeit dort setzte dem Instrument so zu, dass es 1855 von Johann Victor Gruol dem Jüngeren repariert werden musste. Gegen seinen Rat beließ man die Orgel am feuchten Ort. Bis Ende des Jahrhunderts,1898, war sie dann endgültig verrottet.

Vorgeschichte
Das muss man den Alten lassen: Gotik elegant erfassen!

Aus diesem Jahr stammt die Orgel der Firma C. L. Goll & Sohn (Inhaber Friedrich Schäfer). Neugotisch gestaltet, noch ganz in der Tradition des alten Goll, (1897 verstorben) war sie eine Zierde der Naberner Kirche.

Disposition:
Praestant8′
Gedackt8′
Gamba8′
Oktave4′
Konzertflöte8′
Salizional8′
Dolce4′
Subbass16′
Violonbass16′
Mixtur 3 fach2 ⅔‘
I/P, II/P, II/I.Tutti – Mezzoforte – 0

Den Aufschrieb dieser Disposition verdanken wir der Sorgfalt von Dr. Walter Supper. In seiner Aktennotiz vom 23. Juli 1969 bemerkt er aber auch:
„Dieses Instrument entspricht keineswegs den heutigen Auffassungen einer klanglich gesunden Orgel. Die muffig-grundtönige Klanglichkeit entbehrt aller Oberton-Bezirke; lediglich die Kornett-artige Mixtur rettet noch einigermaßen den Klang…

Berücksichtigt man alle Gegebenheiten im Naberner Kirchenraum, so wird die künftige Orgel kaum anders aufzustellen sein als die bisherige. Die Westempore böte zwar eine „glückliche“ Orgelhöhe, doch möchte man diesen Emporenteil nicht der Gemeinde nehmen.

Es wäre zu überlegen, das mittlere Chorfenster mit einer neuen Orgel zuzubauen, und dafür die beiden Fenster im Chorhaupt – Südost und Nordost – in Gänze freizugeben, und die künftige Orgel so schlank wie nur möglich zwischen die gen. beiden Fenster zu stellen.“

Im letzten Absatz aber schreibt Supper ganz unverblümt: „Bemerkt sei, dass Nabern eine der liederlichsten Orgeln im ganzen Dekanatsbezirk hat.“

Damit war es dem Orgelsachberater gelungen, die Kirchengemeinde zu überzeugen: Eine neue Orgel muss her! Leider konnte sich Supper mit seinen fachlich fundierten Vorstellungen über den Standort gar nicht durchsetzen. Dem Willen der Gemeinde musste er sich fügen. Diese verbannte das Instrument an die allerschlechteste Stelle, auf die östliche Nordempore.

Orgel Johanneskirche Nabern
Äußere Gestalt
Mit klingendem Gehalt.

Dort nimmt die Orgel zwar keinen einzigen guten Sitzplatz mehr weg; das ist auch schon alles. Eine einzige Zumutung, dieser Standort! Heutzutage wäre kein Orgelbauer mehr bereit, auf so beschränkem Platz ein Instrument dieser Größe hinzustellen. Doch damals waren Orgelbauer den Sachberatern gefügiger. Kurt Österle brachte die kleinen Pfeifen zwar unter, bei den längeren konnte er aber gar nicht anders, als die Lösung des Orgelsachberaters anzunehmen. So stehen diese Holzpfeifen, für sich betrachtet, zwar einigermaßen gefällig auf dem Untergehäuse, doch zur Holzdecke passt es nicht und noch viel weniger zur filigranen Brüstung.

Weil die Windladen im rechten Winkel zur Empore verlaufen, ist die Orgel vorderspielig. Doch für den Kirchenbesucher sieht es seitenspielig aus, weil der Organist quer zur Empore sitzt.

Orgel Johanneskirche Nabern
Wenigstens braucht nicht zu frieren,
Wer hier kalt muss präludieren.


Angebauter Spieltisch, Pedal- und Manualumfang: C – g’’’ Pedal: C – f’. Normalkoppeln mit links einrastenden Fußtritten links der Mitte  in der Reihenfolge II/I  II/P, I/P. Zwei Fußtritte rechts der Mitte für Tremolo I und Tremolo II. Aufgeklappter Deckel als Notenpult, 1230 mm breit,
230 mm hoch, 73 mm tief, 27° geneigt, Auflage mit grünem Filz belegt. Manual I, Hauptwerk, als erhöhtes Hinterwerk angelegt, Manual II, als Positiv, direkt hinter dem Prospekt.
Sofitte hinter Holzblende als Notenbeleuchtung, Sofitte ohne Blende als Pedalbeleuchtung an Motorschalter gekoppelt. Schaltknopf für Motor, rote Taste für „Motor aus“, Glimmlicht zur Kontrolle, Schaltknopf für Notenbeleuchtung ein/aus. Elektroinstallation ins Orgelinnere verlegt. Klobiger, aber praktischer Kasten für Heizlüfter über der Klaviatur. Schrankschlösser für Klaviaturdeckel und drei Zugangstüren ins Untergehäuse. Firmenschild über Manual II, schwarze Holzleiste mit Steinschrift. Verstellbare Orgelbank, Kurbel links.

Orgel Johanneskirche Nabern
Eine Hand noch hätt ich frei,
Wär beim orgeln ich dabei.


Manual
Mechanische Spieltraktur, teils Draht, teils Holz. Koppelrahmen im
Spieltisch. Tastenfall 9 mm, Obertasten sinken bis auf 4 mm – Manual I und 5 mm – Manual II über die Untertasten ein.
Tastendruck I C-H 175-200 gr., c°-g’’’ 125 gr.  II C-H  150-175 gr., c°- g’’’112 gr.
Oktavmaß: 165 mm, Tastenteilung: C 22,6 mm, D 23 mm, E 22,2 mm,
F 22,5 mm, G 22,6 mm, A 23 mm, H 22,9 mm.
Vertikaler und horizontaler Manualabstand: 60 mm, 34 mm.
Neigung der Manuale 0°.
Tastenlängen: Untertasten I 131 mm, II 129 mm,  Obertasten 73 mm.
Tastenbelag: Untertasten Ebenholz, Obertasten Kunststoff.
Länge des Tastenkopfes: 45 mm.
Zwischenräume Obertasten: cis-dis 16,8 mm, fis-gis
16,4 mm, gis-ais 16,4 mm, ais-cis 30,6 mm, dis-fis 30,6 mm.
Zwei Wellenbretter (Pedallade hat Pedalteilung und Kondukten, keine einzige Pfeife steht direkt auf der Lade).
Aluwellen mit Aluärmchen.

Orgel Johanneskirche Nabern
Koppeln und zwei! Tremulanten
Für die Füße sind vorhanden.

Pedal
Radialpedal, konkav, geschweifte Obertasten, Oktavmaß  460 mm,
Tastenfall 17 mm.
Einsinken Obertasten: 21 mm, Tastendruck: 1600 g.,
mit Koppel I/P 1700 g., mit Koppel II/P 1850 g.
Länge Unter- Obertasten: 710 mm, 125 – 175 mm,
Tastenbreite: 22 mm. Einschub: 300 mm, vertikale Position: 755 mm,
horizontale Position: c° unter a°.

Orgel Johanneskirche Nabern
Bescheiden das Pedal
Schaut auf zum Manual.

Mechanisch. Manubrien: Holzgriffe zum einkrallen von oben her.
In zwei Ebenen, links und rechts der Klaviatur, angeordnet.
Stangen aus Alu und Holz, Eisenwellen mit Alu-Ärmchen.
Registernamen und Nummern in Steinschrift in die Manubrien graviert.
Koppeln als Tritte.

Orgel Johanneskirche Nabern
Ohne Schalter zum Motor
Käm’ der Orgelwind nicht vor.

Gebläse frei stehend im Untergehäuse.
Gebläsedaten: Aug. Laukhuff-Weikersheim 
1  80  cbm (m.c.) 8 Min. W.S. 86, Motor-Nr. 3279,  H.P. 0,40,  Volt 220/380, Amp. 1,5/0,9 Tour. 2800, Period 50, Phas..
1 Motorbalg mit Rollventil, zwei Ladenbälge.
Windkanal: 1x Holz (HW), 2x Flex (Positiv und Pedal), Kondukten Flex. 
Winddruck: 52,5 mm WS an Windlade HW,
61,7 mm WS an Windlade Positiv,
89,0 mm WS an Pedal, gemessen am Pfeifenloch von Gedecktbaß 8’, Ton f’.
Tremulant für Positiv, pneumatisch, überschwebend.

Wer an die Lade nicht kommt ran,
Schaut sich spitze Bögen an.

Schleiflade, Pfeifenstöcke Schichtholz, Kunststoffschleifen mit Teleskophülsen, Schwanzventile. Pfeifenaufstellung: Hauptwerk (I) diatonisch, nach innen ansteigend, die 6 tiefsten Töne rechts in der Nähe des Prospekts. Positiv (II) chromatisch in der Reihenfolge der Klaviatur, die 9 tiefsten Töne rechts in der Nähe des Prospektes.

Gesamtpfeifenzahl 793, davon 54 Holzfpeifen

HAUPTWERK I
Holzflöte 8′ a C, D, Dis, E, G Prospekt
Spitzflöte 8′ konisch Metall
Prinzipal 4′
Oktave 2′
Mixtur II 1′ Repetition c°, c’, c’’
POSITIV II
Gedeckt 8′ Holz C – d° Prospekt
Rohrflöte 4′ ab fis’’ konisch offen
Feldflöte 2′
Sifflöte 1′ ab fis’’ 1 ⅓’
Sesquialter 2 ⅔’+1 3/5’ ab a°
Scharf II 1 ⅓’ Repetition d°, e’, fis’’
PEDAL
Subbass 16′ C, CIS, D, DIS, FIS, im Prospekt, neue Pfeifen E, F, G – d’, ebenfalls im Prospekt, sind alte Pfeifen, vermutlich von 1898.
Gedecktbass 16′ C – d° aus Subbass 16’ Beim Spiel in Oktaven bekommt der obere Ton von Subbass 16’ zu viel Luft und verstimmt sich stark.
Orgel Johanneskirche Nabern
Gotisch gestimmt grüßt hier der Chor;
Barockstimmung zieht Orgel vor.

Stimmung
Kirnberger II
Absolute Tonhöhe: a’ 440,3 Hz bei 15,5° Celsius.
Relative Luftfeuchtigkeit: 68,5
Atmosphärischer Luftdruck: 1019 hPa auf NN,
gemessen am 24.09.2014, 16:19 Uhr.

Schallpegel
Ruhe 29,6 dBA, Gebläse 33,1 dBA
Min 64,5 dBA, Max 81,5 dBA

Orgel Johanneskirche Nabern
Weil Dr. Supper hingeschaut,
Hat Österle hier auch gebaut.

Alleinstellungsmerkmale:
Einzige Orgel unter Teck von Kurt Österle

Medien:
Teckbotenarchiv, Festschrift: Friedrich Fischer /Heinz Höflinger/Roswitha Eberspächer, 500 Jahre Johanneskirche Nabern, Kirchhein unter Teck 1987. Heimatbuch.

Anita Rauscher:
Untersuchungen über die Orgeln des 18. und 19. Jahrhunderts im Evangelischen Dekanatsbezirk Kirchheim unter Teck.

Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck Band 36: Orgeln unter Teck (S. 231)

Keine sonstigen Instrumente im Raum

Kontakt

Adresse Pfarramt und Gemeindebüro:
Kirchhofstraße 5
73230 Kirchheim unter Teck
Tel: 07021- 55 505
Homepage Pfarramt

Adresse der Kirche:
Johanneskirche
Kirchhofstraße 4
73230 Kirchheim unter Teck

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